KI und Urheberrecht: Was der NYT-Prozess gegen OpenAI für Unternehmen bedeutet

Die New York Times führt seit drei Jahren einen Urheberrechtsprozess gegen OpenAI und Microsoft. Neu enthüllte Dokumente aus diesem Verfahren zeigen, wie KI-Unternehmen mit urheberrechtlich geschützten Inhalten umgehen und welche wirtschaftlichen Folgen das für Content-Ersteller hat. Für mittelständische Unternehmen, die selbst Inhalte produzieren oder KI-Tools einsetzen, liefert der Fall konkrete Anhaltspunkte für die eigene Risikobewertung.
Was die Dokumente offenbaren
Die im September 2026 teilweise enthüllten Gerichtsdokumente enthalten interne Kommunikation von OpenAI- und Microsoft-Verantwortlichen. Eine Microsoft-interne Präsentation von Brent Hecht, Director of Applied Science, warnt vor einem Teufelskreis: Wenn KI-gestützte Suchergebnisse Publisher-Traffic reduzieren, verlieren Content-Ersteller den Anreiz, Inhalte zu produzieren. Gleichzeitig bleiben KI-Modelle auf genau diese Inhalte angewiesen. Hecht beschrieb die Praxis intern als „the largest theft of labor in human history“.
Nick Turley, verantwortlich für ChatGPT bei OpenAI, sprach intern von einer „existential threat“ für Publisher. Die Aussage ist deshalb brisant, weil OpenAI öffentlich stets betont, dass KI-Systeme Publisher ergänzen und nicht ersetzen. Die internen Dokumente zeichnen ein anderes Bild als die kommunizierte Position nach außen.
Besonders aufschlussreich: Microsoft-CEO Satya Nadella sagte in seiner Aussage, dass Material hinter Paywalls lizenziert werden müsse, wenn es für KI-Training oder Grounding verwendet wird. Er ergänzte, dass Microsoft hätte verlangen können, Modelle neu zu trainieren, hätte er gewusst, dass Paywall-Inhalte ohne Lizenz verwendet wurden. Diese Aussage eines der höchstenrangigen Tech-Verantwortlichen unterstreicht, dass die Praxis der unlizenzierten Datennutzung auch intern nicht unumstritten war.
Umfang der Inhaltsnutzung
Die Zahlen aus dem Verfahren sind erheblich. In OpenAIs Mid-Training-Datasets fanden sich über 91.692 Kopien von Werken der New York Times, der Daily News und des Center for Investigative Reporting. Ein separater Datensatz aus Common Crawl enthielt mehr als zwei Millionen Dokumente von nytimes.com. Über die Projekte „Mango“ und „Taxi“ sollen Microsoft und OpenAI Trainingsmaterial ausgetauscht haben, darunter mindestens 160.903 Werke der beteiligten Publisher.
Zusätzlich deuten die Dokumente darauf hin, dass Copyright-Hinweise aus Trainingsmaterial entfernt wurden. Die Sorge der Forscher: Modelle könnten diese Hinweise in ihren Antworten reproduzieren und so die Herkunft der Inhalte offenlegen. Das Entfernen von Copyright-Markierungen ist rechtlich besonders heikel, da es gezielte Verschleierung nahelegt.
Ein weiteres Detail betrifft die Umgehung von Paywalls. In einer internen Kommunikation beschrieb Forscher Nick Ryder eine Methode, um die Paywall der New York Times zu umgehen, und teilte diese mit OpenAI-Präsident Greg Brockman, der daraufhin mit „ah nice“ reagierte. Diese Episode wirft die Frage auf, ob die Beschaffung von Trainingsdaten bewusst an Schutzmaßnahmen vorbei erfolgte.
Wirtschaftliche Folgen für Content-Ersteller
Microsoft-eigene Daten zeigen, dass die KI-gestützte Copilot-Suche die Klickrate auf Inhalte der New York Times um bis zu 93 Prozent im Vergleich zur herkömmlichen Bing-Suche reduzieren kann. Das bedeutet: Wenn Nutzer eine Frage stellen und eine KI die Antwort direkt liefert, besuchen sie die Originalquelle nicht mehr. Für Unternehmen, die auf organischen Traffic angewiesen sind, ist das eine direkte Bedrohung ihrer Reichweite und ihres Geschäftsmodells.
Dieser Befund betrifft nicht nur Medienunternehmen. Auch mittelständische Unternehmen, die Whitepaper, Fachartikel oder Blogbeiträge als Marketing-Instrumente einsetzen, könnten sehen, dass KI-Suchergebnisse ihre Inhalte zusammenfassen, ohne dass ein Besuch auf der eigenen Website erfolgt. Die Folge: weniger Leads, weniger Sichtbarkeit, weniger Vertrauensaufbau über die eigene Expertise.
Die Hecht-Warnung vom Teufelskreis ist dabei besonders relevant: Wenn Unternehmen weniger Traffic erhalten, investieren sie weniger in Content. Wenn weniger qualitativ hochwertiger Content entsteht, sinkt die Qualität der KI-Antworten, die auf diesen Content angewiesen sind. Dieser Kreislauf betrifft mittelständische Unternehmen doppelt: als Content-Produzenten, die Sichtbarkeit verlieren, und als KI-Nutzer, die auf abnehmende Content-Qualität angewiesen sind.
Was bedeutet das für den Mittelstand?
Drei praktische Erkenntnisse lassen sich aus dem Verfahren ableiten, die mittelständische Unternehmen jetzt umsetzen können:
- Eigene Inhalte schützen: Unternehmen sollten prüfen, ob ihre Inhalte durch KI-Crawler indexiert werden. Eine robots.txt-Datei kann bestimmte Crawler ausschließen. Wer besonders wertvolle Inhalte hinter einer Paywall oder in geschlossenen Kundenbereichen platziert, behält mehr Kontrolle über die Nutzung. Eine regelmäßige Prüfung, ob eigene Inhalte in KI-Antworten auftauchen, hilft, unautorisierte Nutzung zu erkennen.
- KI-Tools mit Bedacht einsetzen: Wenn Unternehmen KI-Tools für die Content-Erstellung nutzen, sollten sie darauf achten, dass die Tools nicht urheberrechtlich geschützte Inhalte ohne Lizenz reproduzieren. Interne Richtlinien für den Umgang mit KI-generierten Inhalten sind ratsam. Dazu gehört die Vorgabe, dass KI-generierte Texte vor Veröffentlichung auf Urheberrechtsverletzungen geprüft werden.
- Lizenzmodelle prüfen: Wer Inhalte für das Training von KI-Modellen zur Verfügung stellt oder nutzt, sollte klare Lizenzvereinbarungen treffen. Der NYT-Fall zeigt, dass fehlende Lizenzierung zu jahrelangen Rechtsstreiten führen kann. Mittelständler sollten bei der Auswahl von KI-Anbietern darauf achten, dass diese transparente Datenherkunft nachweisen können.
EU AI Act und Urheberrecht
Für europäische Unternehmen kommt eine weitere regulatorische Ebene hinzu: Der EU AI Act verpflichtet Anbieter von KI-Modellen zur Einhaltung des Urheberrechts und zur Transparenz über Trainingsdaten. Artikel 53 der Verordnung (EU) 2024/1689 fordert, dass General-Purpose-Modelle eine ausreichend detaillierte Zusammenfassung der Trainingsdaten veröffentlichen. Artikel 27 verlangt eine Risikobewertung für Systeme, die erhebliche Risiken für Grundrechte bergen können.
Das bedeutet: Während der NYT-Prozess in den USA nach US-Urheberrecht entschieden wird, gelten in der EU zusätzliche Pflichten. Unternehmen, die KI-Modelle im europäischen Markt einsetzen oder entwickeln, müssen sowohl das Urheberrecht als auch die Anforderungen des AI Act beachten. Eine saubere Dokumentation der Datenherkunft wird hier zum Wettbewerbsvorteil, weil sie Vertrauen bei Kunden und Partnern schafft.
Zudem schafft der AI Act eine Meldepflicht für Verstöße. Unternehmen, die feststellen, dass ihre Inhalte ohne Lizenz in KI-Modellen verwendet wurden, können sich an die nationalen Aufsichtsbehörden wenden. In Deutschland ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) als zuständige Behörde benannt. Das gibt mittelständischen Unternehmen eine zusätzliche Handhabe neben dem zivilrechtlichen Weg.
Fazit
Der Prozess zwischen der New York Times und OpenAI ist mehr als ein Streit zwischen einem Medienunternehmen und einem Tech-Konzern. Er klärt eine zentrale Frage: Wer kontrolliert die Inhalte, auf denen KI-Systeme trainiert werden? Die Antwort darauf wird beeinflussen, wie Unternehmen künftig mit eigenen Inhalten umgehen, welche Lizenzmodelle entstehen und welche Pflichten der EU AI Act in der Praxis schafft.
Mittelständische Unternehmen sollten den Fall beobachten und parallel ihre eigene KI-Struktur prüfen. Wer heute klare Regeln für den Umgang mit KI-Tools definiert, seine Inhalte durch technische Maßnahmen schützt und Lizenzfragen ernst nimmt, ist morgen auf der sicheren Seite. Der NYT-Prozess liefert dafür die Argumente und die Evidenz.
Lassen Sie uns sprechen, wenn Sie KI in Ihrem Unternehmen verantworten und unsicher sind, wie Sie Ihre Inhalte schützen oder welche Pflichten der EU AI Act für Sie gelten. Ein strukturierter Blick hilft mehr als ein weiterer Newsletter.
Quelle: Firstpost / Reuters-Berichterstattung zum NYT vs. OpenAI Verfahren, September 2026




